LESEPROBE
Nie die Hoffnung verlieren
Auszug aus der szenischen Lesung von Antonio Umberto Riccò · Musik von Carsten Litfin · Fassung 2023
Wünsche für die Zukunft
Sechs Frauen haben von ihrer Kindheit, von Gewalt, Krieg und Flucht erzählt. Am Ende richten Natalia, Farkhunda und Zinat den Blick auf ihr heutiges Leben und auf die Zukunft ihrer Familien.
NATALIA
Weißt du … Als ich nach Deutschland kam, weinte ich tagelang und betete.
Meine Tochter bemerkte es und begleitete mich in eine Kirche.
Der Priester sagte mir: „Weine nicht. Hilf anderen Menschen. Das wird dir helfen.“
Ich folgte seinem Rat und engagiere mich nun in der ukrainischen Gemeinde. Wir organisieren die humanitäre Hilfe und ich unterrichte ukrainische Kinder.
Der Krieg wird nicht so schnell enden, das weiß ich. Unsere Soldaten wissen es auch.
Dennoch möchte ich zurück in mein Land.
Hier sehe ich keine Zukunft für mich.
FARKHUNDA
Unsere Kinder gewöhnen sich langsam hier ein, aber sie vermissen ihre Großeltern. Und Afghanistan.
Die Trennung ist für uns alle schwer zu ertragen. Aber wir können ab und zu Oma und Opa sehen und mit ihnen sprechen.
SPRECHERIN
Und du? Was wünschst du dir?
FARKHUNDA
Deutsch zu lernen und Arbeit zu finden.
Doch es geht langsam, viel zu langsam.
Viele von uns bringen Fähigkeiten mit, könnten schnell in den Arbeitsmarkt einsteigen. Aber scheinbar zählt nicht, was wir können, welche Erfahrungen wir in Afghanistan gemacht haben.
Bin ich zu ungeduldig? Vielleicht.
Aber ich will bald meinen Beitrag leisten und Deutschland etwas zurückgeben.
ZINAT
In Griechenland dachte ich: Meine Kinder werden essen, zur Schule gehen, erfolgreich sein.
Wir bekommen eine große Wohnung, jedes Kind ein eigenes Zimmer …
SPRECHERIN
Es waren nur eure Träume!
ZINAT
Nein! Das waren nicht einfach unsere Träume …
Davon hatten wir im Libanon immer wieder gehört.
„In Europa werden Träume wahr“, sagte man dort.
In Deutschland habe ich kein Haus mit fünf Kinderzimmern bekommen.
Aber ich kann hier friedlich leben. Meine Kinder können zur Schule gehen, ein richtiges Leben führen.
Das ist mir wichtig.
Man soll nie die Hoffnung verlieren.
Man soll nie die Hoffnung verlieren, dass gute Menschen und gute Taten im Leben auf uns warten.
Trotz schwieriger Umstände.
Wir sollten immer stark und zuversichtlich bleiben.
Die Sprecherinnen kommen aufeinander zu und reichen sich die Hände.