LESEPROBE

Das Boot ist voll!

Auszug aus der szenischen Lesung für drei Sprecher*innen · Antonio Umberto Riccò · Fassung 2026

Stimmen auf dem Meer

In der Nacht liegt die Gamar vor Lampedusa. Vito Fiorino und seine sieben Freunde haben sich schlafen gelegt. Gegen sechs Uhr morgens startet plötzlich der Motor.

VITO

Ich war unter Deck.

Wir hatten vereinbart,
um sechs loszufahren, um zu fischen.

Deshalb wunderte ich mich nicht, als gegen sechs der Motor startete und ich davon aufwachte.

„Alessandro steht schon am Steuer“, dachte ich.

ERZÄHLER

Die „Gamar“ setzte sich langsam in Bewegung.
Doch wenige Sekunden später
verstummte der Motor.

VITO

Ich sprang aus meiner Koje.

„Hei, funktioniert der Motor nicht?“

ERZÄHLERIN

Alessandro antwortete nicht.
Er machte nur eine Handbewegung.
Still.

VITO

„Was ist los?“ fragte ich.
„Zitto!“, befahl er. „Zitto!“
Ich versuchte zuzuhören.

ERZÄHLERIN

Aber Vito hörte nichts.
Fast nichts.
Nur die Sturmtaucher.

ERZÄHLER

Eine Vogelart der Insel,
ähnlich wie Möwen.

ERZÄHLERIN

Ihr Geschrei klingt fast menschlich.
Wie streitende Kinder.

VITO

Ich schwöre es:
Ich hörte nur die Vögel.
Sonst nichts.

ERZÄHLER

„Nun lu sentissi u vusciare?“
rief Alessandro
auf Sizilianisch.

VITO

Ich spreche kein Sizilianisch.
Aber ich verstand ihn.
Er hörte Menschen.
Nicht Vögel.

ERZÄHLER

Nur Alessandro hatte sie gehört.

VITO

Ja.
Aber glaubt mir:
Ich hörte nur die Sturmtaucher.

„Du irrst dich, Alessandro!“

ERZÄHLERIN

Doch Alessandro war sich sicher.

VITO

„Na gut“, sagte ich, „fahr los.“

ERZÄHLER

Nach fünf- oder sechshundert Metern gab es keinen Zweifel mehr.

Ein Chor der Verzweifelten lag über dem Meer.

Köpfe tauchten zwischen den Wellen auf.
Manchmal schrie jemand:
„Hagèz! Hagèz!“

Die meisten konnten nicht einmal mehr rufen.
Sie waren erschöpft. Resigniert.
Ihre Stimmen versanken langsam im Wind.

ERZÄHLERIN

Die acht der „Gamar“ hatten so etwas nie gesehen.
Nicht mal im Kino.

Menschen im Wasser. Überall.
Und, dazwischen, Leichen.
Unzählige.

Aber kein Schiff.
Kein Boot.
Nur leere Flaschen.
Und Holzstücke.

VITO

Wir waren geschockt.
Gelähmt.

Aber es war keine Zeit für Gefühle.
Wir mussten helfen.
Nur helfen.

ERZÄHLER

Alessandro alarmierte sofort die Küstenwache.
Die anderen begannen, Menschen an Bord zu ziehen.
Auch Vito half.

Doch für einen kurzen Moment dachte er an den jungen Afrikaner.
Der Afrikaner, der Gabris Freundin begrapscht hatte.

VITO

Die, die wir retteten, waren so alt wie er.
Viele sogar jünger.

ERZÄHLERIN

Und vielleicht, dachte Vito, würden sie sich später so benehmen wie er.

VITO

Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde. Ein Gedanke.
Mehr nicht.

Dafür schäme ich mich noch heute.

(Pause.)

Ich bin kein Held.
Kein Heiliger.

Ich bin so wie du.
Oder du. Oder du.

Ein Mensch. Nur ein Mensch.

Auszug aus Das Boot ist voll!, szenische Lesung von Antonio Umberto Riccò, Skriptfassung für drei Sprecher*innen, Hannover 2026.

© Antonio Umberto Riccò. Alle Rechte vorbehalten. Der Abdruck dieser Leseprobe gestattet keine Aufführung oder weitere Verwertung.

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