LESEPROBE
Walzer ins Nirgendwo
Auszug aus dem Theaterstück von Antonio Umberto Riccò · Fassung vom 25. April 2022
Der versprochene Tanz
Alexander sucht im Krieg nach seiner verschwundenen Enkelin. Lotta wartet auf ihren Freund und fürchtet um die Zukunft ihres ungeborenen Kindes. In einem verlassenen Ort erzählen die beiden einander von ihren Familien.
LOTTA
Mein Vater spielte immer Akkordeon. Als ich ein Kind war, konnte ich ihm stundenlang zugucken. Es waren seltene Momente, magische Momente.
Er war Bauer, hatte wenig Zeit, und wenn überhaupt, war er am Abend so müde, dass er am Küchentisch einschlief.
Nur am Wochenende, wenn er die Kühe versorgt und selbst gefrühstückt hatte, nahm er sein Instrument aus dem Kasten. Er streichelte das Akkordeon auf eine Weise, dass meine Mutter hätte eifersüchtig werden können.
Ich saß vor ihm. Ganz still. Und wartete auf diesen einen Blick von ihm. Diesen Blick, den er mir schenkte, wenn er musizierte: Er schaute auf, lächelte mir kurz zu und wurde sofort wieder ernst. Ab diesem Moment war er weg. Unerreichbar.
Er schaute in die Ferne, mit starrem Blick. Nur wenn irgendein Ton falsch war, schimpfte er kurz, und dann setzte er sein Ritual fort.
Mein Vater … Ich glaube, wir sehen uns nicht wieder.
Wenn man mit 61 ohne Erfahrung in den Krieg zieht, hat man wohl kaum Chancen, lebend zurückzukehren …
ALEXANDER
Weißt du, was mein Freund Marko über den Krieg sagt? Der weiß übrigens immer alles. Er sagt: „Unser Land hat den Feind angegriffen.“
LOTTA
Quatsch!
ALEXANDER
Genau das habe ich ihm auch gesagt: „Quatsch!“
Ich habe ihm gesagt: „Marko, nicht wir haben den Krieg angefangen, sondern die anderen. Wir haben doch jahrelang immer wieder mit ihnen verhandelt, um diesen Krieg zu verhindern.“
Aber er glaubt alles, was er im Netz findet.
LOTTA
Da ist er nicht der Einzige.
ALEXANDER
Als ich mit ihm diskutierte, spuckte er vor mir auf den Boden: „Klugscheißer!“ Drehte sich um und ging. Ein Freund weniger, habe ich gedacht.
LOTTA
Einen Tag vor Kriegsbeginn haben mein Vater und ich uns auch gestritten. Er meinte, mein Freund sei nicht der Richtige für mich.
Aber als er zwei Tage später aus der Tür rausging, sein Gewehr auf der Schulter, um „sein Land zu verteidigen“, wie er selbst sagte, schaute ich ihm nach und wusste genau, dass ich ihn wohl nie wiedersehen würde.
Und alle Fragen, die ich ihm noch stellen wollte, keine Antworten mehr bekommen würden.
Als ob er es gespürt hätte, kehrte er zurück und sagte:
„Lotta, wenn dieser Krieg zu Ende ist und du ihn heiraten willst, dann …“
ALEXANDER
Dann?
LOTTA
„Dann feiern wir. Aber richtig groß. Mit Kapelle und vielem mehr. Bis spät in die Nacht. Eine Krone aus Kornblumen bekommst du von mir. Und dann werde ich auf meinem Akkordeon für dich und deinen Mann den Hochzeitstanz spielen. Aber einmal musst du auch mit mir einen Walzer tanzen.“
Versprochen, sagte ich. Und dann ging er fort.
Alexander geht zu ihr und nimmt ihre Hand. Sie steht auf, ohne ein Wort zu sagen. Sie tanzen.
ALEXANDER
Schließ deine Augen, bitte … und lass dich führen.
LOTTA
Tanzen während des Krieges … seltsame Erfahrung.
ALEXANDER
Tanzen gegen den Krieg in unseren Köpfen.
Wenn man nichts dagegen tut, hat man schon verloren.
Augen zu …!
Man hört einen Walzer, auf dem Akkordeon gespielt. Alexander und Lotta tanzen.
LOTTA
Ich sehe Kinder, die Fangen spielen … Männer, die musizieren. Einen Zauberer, der eine weiße Taube aus dem Zylinder gen Himmel fliegen lässt … Eine Frau mit einem Hund, der Kunststücke macht.
Einen Chor auf dem Opernplatz, der den „Chor der Gefangenen“ von Verdi singt … während die Sirenen heulen.
Kurz bevor der Tanz zu Ende ist, sind Maschinenpistolensalven zu hören. Sie erstarren.