LESEPROBE · SZENISCHE LESUNG
Ein Morgen vor Lampedusa
Auszug aus der aktuellen deutschen Fassung des Skripts, Stand Januar 2024.
Der folgende Ausschnitt schildert den Augenblick, in dem Fischer und andere Menschen auf Lampedusa die Schiffbrüchigen entdecken und mit der Rettung beginnen.
ERZÄHLERIN
Am 3. Oktober hätte der Tag auf Lampedusa angenehm werden können: Es gab kaum Wolken, die Temperatur war nicht mehr sommerlich, aber noch um die 24 Grad warm. Nur eine frische Brise ließ das Boot der Flüchtlinge schaukeln.
Lampedusa war so, wie Touristen es sich wünschen: Sonne, Meer, Fischfang, schöne Strände …
ERSTER SPRECHER (CARMINE)
Ich bin von Beruf Optiker, aber ich fische gern, ich fahre oft raus aufs Meer. An diesem Morgen war ich dort, auf der Reede, mit sieben Freunden.
Wir haben was gegessen und sind dann eingenickt: Normalerweise schlafen wir nicht, wir wollen dort den Morgen erleben, den Sonnenaufgang abwarten.
Das Meer war ruhig.
Wir wollten im Morgengrauen ein Bad nehmen, dann mit dem Schleppnetz eine Stunde fischen, um anschließend zur Arbeit zu gehen.
Es war so zwischen dreiviertel sechs und sechs, als wir zum ersten Mal ein seltsames Schreien hörten.
ZWEITER SPRECHER (VITO)
Auf meinem Boot, der „Gamar“, waren wir zu acht. Kurz vor zwei Uhr nachts sind wir eingeschlafen. Später wollten wir rausfahren, zum Fischen.
Nach einigen Stunden hat einer meiner Freunde Schreie gehört. Ich dachte zuerst, dass es Möwen waren …
ERSTER SPRECHER (CARMINE)
Schließlich haben wir kapiert, dass es keine Vögel, sondern menschliche Schreie waren.
Wir sind noch etwas weiter rausgefahren und konnten sehen, was los war.
ZWEITER SPRECHER (MARCELLO)
Auf Vitos „Gamar“, einem Zehn-Meter-Boot, war ich auch. Wir hatten am Tabaccara-Strand geschlafen.
SPRECHERIN (GRAZIA)
Auch ich war auf Vitos Boot.
Es war noch dunkel, als wir zum Fischen rausfuhren.
ZWEITER SPRECHER (MARCELLO)
Im ersten Morgenlicht sahen wir, wie Hunderte von Menschen um unser Boot trieben, die Arme aus dem Wasser hoben und um Hilfe flehten.
Überall waren sie, sie klammerten sich an Wasserflaschen, an treibende Holzstücke.
ERSTER SPRECHER (CARMINE)
Als wir aus der Tabaccara-Bucht rausgefahren sind, sahen wir sie gleich.
Sie näherten sich dem Ufer.
Es waren viele, unzählig viele.
Einige zu dritt oder viert, andere allein.
ZWEITER SPRECHER (VITO)
Zwischen Öllachen, treibenden Holzstücken, Schwimmwesten, Leichen sahen wir Frauen und Kinder.
Sie tauchten auf und verschwanden wieder …
ERSTER SPRECHER (CARMINE)
Von dem Moment an dachten wir nur noch daran, Menschen ins Boot zu ziehen.
Einen nach dem anderen.
Um uns herum Hunderte von Köpfen.
ERZÄHLERIN
Als die ersten Lampedusaner an den Ort des Unglücks gelangten, dämmerte es noch nicht.
Zunächst kamen die Fischerboote. Die Leute, die an Bord waren, schauten mit Entsetzen auf das Meer.
ERSTER SPRECHER (CARMINE)
Als wir ihnen zu Hilfe kamen, waren wir allein.
ERZÄHLERIN
Ein Chor der Verzweifelten war zu hören.
Köpfe und Arme ragten aus dem Wasser.
ERZÄHLER
Ab und zu rief jemand: „Hagez! Hagez! Hilfe, Hilfe!“
ALLE LESENDEN ZUSAMMEN
„Hagez! Hagez! Hagez! Hagez!“
ERSTER SPRECHER (CARMINE)
Wenn du jemand vor dir hast, der am Ertrinken ist, kannst du nichts anderes machen, als ihn rausziehen.
Auszug aus „Ein Morgen vor Lampedusa“, Fassung Januar 2024.
Text: Antonio Umberto Riccò · © Antonio Umberto Riccò und AG Lampedusa-Hannover