SZENISCHE LESUNG

Ein Morgen vor Lampedusa

Am 3. Oktober 2013 sinkt vor der italienischen Insel Lampedusa ein völlig überfülltes Boot. 368 Menschen sterben. Die szenische Lesung rekonstruiert die Tragödie aus den Aussagen von Geflüchteten, Fischern, Einwohnern, Touristen und Rettungskräften.

Jochen Gerner, Christine Gerner und Rüdiger Hofmeister bei einer Lesung von „Ein Morgen vor Lampedusa“ in der Marktkirche Hannover 2014
Lesung in der Marktkirche Hannover, 2014 · Foto: Antonio Umberto Riccò

Was geschah an jenem Morgen?

545 Menschen befinden sich auf dem Boot. Sie kommen überwiegend aus Eritrea, aber auch aus Somalia, Äthiopien und Syrien. Hinter ihnen liegen Krieg, Verfolgung und eine lebensgefährliche Flucht. Vor ihnen liegt Europa.

Kurz vor Lampedusa gerät das Boot in Brand und kentert. Einwohner und Fischer der Insel eilen zu Hilfe. Sie retten zahlreiche Menschen aus dem Wasser – noch bevor die offiziellen Rettungskräfte den Unglücksort erreichen.

Die Lesung fragt: Was erlebten die Menschen auf dem Boot? Wie reagierten Fischer, Touristen und Behörden? Hätten weitere Menschen gerettet werden können? Wer trägt Verantwortung? Und was müsste Europa tun, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholen?

Ein Mosaik aus Zeugenaussagen

Der Text entstand aus Zeugenaussagen und dokumentarischem Material, das unmittelbar nach der Katastrophe in der italienischen und internationalen Presse veröffentlicht wurde.

Zwei Sprecherinnen oder Sprecher führen durch die Ereignisse. Drei weitere geben den unterschiedlichen Beteiligten ihre Stimmen: Überlebenden aus Eritrea, Fischern und Einwohnern von Lampedusa, Touristen, Tauchern, Ärzten und Angehörigen der Küstenwache.

So entsteht kein Bericht aus einer einzigen Perspektive, sondern ein vielstimmiges Mosaik. Hinter Zahlen und politischen Debatten werden Menschen sichtbar – mit ihren Hoffnungen, ihrer Angst, ihrem Mut und ihren Widersprüchen.

Von der Idee zur Premiere

Die Arbeit an der Lesung begann wenige Wochen nach der Katastrophe. Bis Ende Februar 2014 wurden Zeugenaussagen ausgewählt, übersetzt und zu einem szenischen Text verbunden. Der ursprüngliche Titel lautete „Lampedusa, 3. Oktober 2013“.

Am 18. März 2014 fand eine Vorpremiere in der Hauptverwaltung der IG BCE in Hannover statt.

Die Premiere folgte am 30. März 2014 in der Cumberlandschen Galerie des Schauspielhauses Hannover. Gelesen wurde der Text von Schauspielerinnen und Schauspielern des Schauspielhauses Hannover.

Ursprünglich waren lediglich zehn bis fünfzehn Veranstaltungen geplant. Daraus entwickelte sich ein langjähriges Projekt mit mehr als 400 Aufführungen.

Ein Projekt über Grenzen hinweg

„Ein Morgen vor Lampedusa“ wurde in Schulen, Kirchen, Theatern, Kulturzentren, Rathäusern und Bildungseinrichtungen präsentiert. Aufführungen fanden in zahlreichen deutschen Städten sowie in Italien statt. Die italienische Fassung trägt den Titel „Quel mattino a Lampedusa“. Eine englische Fassung wurde in Portland in den USA präsentiert.

Koordiniert wurde das Projekt von der AG Lampedusa-Hannover. Viele Veranstaltungen wurden von Gesprächsrunden begleitet. Jugendliche und Erwachsene konnten das Gesehene und Gehörte gemeinsam mit Fachleuten, Beteiligten und Mitgliedern der Projektgruppe diskutieren.

Eine Lesung selbst veranstalten

Schulen, Vereine, Kirchengemeinden, Theatergruppen und andere Initiativen können die Lesung mit Sprecherinnen und Sprechern vor Ort selbst präsentieren. Auf der Website der AG Lampedusa-Hannover kann dazu eine Vereinbarung online abgeschlossen werden.

Nach Abschluss der Vereinbarung stellt die AG die Materialien für eine öffentliche Veranstaltung zur Verfügung. Dafür wird eine Schutzgebühr von 30 Euro erhoben. Auf diese Weise wurde die Lesung an zahlreichen Orten von lokalen Ensembles und ehrenamtlichen Gruppen auf die Bühne gebracht.

Theater und konkrete Solidarität

Die Lesung sollte nicht allein informieren. Sie wollte Empathie ermöglichen, Vorurteile gegenüber Geflüchteten abbauen und die Frage nach der europäischen Verantwortung stellen.

Zahlreiche Veranstaltungen waren mit Spendensammlungen verbunden. Die Erlöse wurden an anerkannte Organisationen und Initiativen weitergegeben, die Geflüchtete unterstützen oder sich für ihre Rechte einsetzen. Damit verband das Projekt die künstlerische Auseinandersetzung mit konkreter Solidarität.

Mitwirkende

Text und Projektleitung
Antonio Umberto Riccò

Übersetzung aus dem Italienischen
Francesca De Iuliis, Hartwig Heine und Marcella Heine

Musik
Francesco Impastato

Für das Projekt komponierte Francesco Impastato sechs eigene Lieder.

Musikproduktion
Christoph Isermann

An den Aufführungen in Hannover und Niedersachsen wirkten im Laufe der Jahre unter anderem Sprecherinnen und Sprecher des Spielkreises Theater der Matthias-Kirche mit: Renate Blanke, Arne Borstelmann, Christine Gerner, Jochen Gerner, Christina von Grone, Sigrid Jahnel, Rüdiger Hofmeister, Thomas Schenk, Liane Sickel und Michael Wöstefeld.

Die technische Betreuung übernahmen unter anderem Thomas Pompetzki und Martin Pandera. Darüber hinaus wurde die Lesung an vielen Orten von örtlichen Schauspielerinnen und Schauspielern, Schülerinnen und Schülern sowie ehrenamtlichen Gruppen präsentiert.

Partner und Förderer des damaligen Projekts

An der Entwicklung und Verbreitung der Lesung sowie am begleitenden Schulprojekt waren in unterschiedlichen Projektphasen unter anderem der Spielkreis Theater der Matthias-Kirche Hannover, Medinetz Hannover e. V., der Flüchtlingsrat Niedersachsen e. V., Kargah e. V. und Janusz Korczak – Humanitäre Flüchtlingshilfe e. V. beteiligt.

Finanzielle und organisatorische Unterstützung kam in verschiedenen Projektphasen unter anderem von der Landeshauptstadt Hannover, der Region Hannover, Pro Asyl, der Caritas, der Stiftung HELP, der Stiftung Umverteilen! und Siabella Reisen. Diese Angaben beziehen sich auf frühere Projekt- und Förderzeiträume.

Begleitmaterial für Schulen

Unter dem Titel „Notausgänge“ entstand ein umfangreiches Materialheft für den Unterricht. Es behandelt unter anderem Fluchtursachen, die europäische Flüchtlingspolitik, das Leben von Geflüchteten in Deutschland, Menschenrechte und gesellschaftliche Solidarität.

Das Schulprojekt stand unter der Schirmherrschaft der damaligen niedersächsischen Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.

Leseprobe

Ein ausgewählter Auszug vermittelt einen Eindruck von der dokumentarischen Sprache, den wechselnden Stimmen und dem Rhythmus der szenischen Lesung.

Aufführung oder Zusammenarbeit

Sie möchten „Ein Morgen vor Lampedusa“ aufführen, eine Lesung veranstalten oder das Stück im Unterricht behandeln?

Aufführungen

Bisherige Veranstaltungen

416 szenische Lesungen haben bereits stattgefunden.

Die letzten Termine

  • Döbeln Café Courage
  • Augustusburg Lehngericht FestSaal
  • Torgau Kulturbastion
  • Brescia I.C. Brescia Ovest - Plesso Divisione Tridentina
  • Brescia I.C. Brescia Ovest - Plesso Divisione Tridentina
  • Vimercate IIS Floriani