Wir sind nicht allein auf dieser Welt

Frohe Weihnachten!

Liebe Freunde und Mitstreiter,

vor über sechs Jahren haben wir in Hannover mit „Ein Morgen vor Lampedusa“ unser Projekt gestartet. Fast 380 Lesungen fanden inzwischen statt.

Dazu kam 2018 in Kooperation mit dem „Theater in der List e.V.“ das Theaterstück „Das Boot ist voll!“: Auch dieser Monolog, ausgezeichnet gespielt von Willi Schlüter, ist mit bisher 80 Auftritten sehr erfolgreich.

Das Sofa der ersten Nacht in Italien

Und seit Mai 2019 bieten wir die neue szenische Lesung „Seestern in Südtirol“, dessen Protagonist Alidad Shiri ist, an. Inzwischen ist Alidad ein junger Mann, aber als die von uns erzählte Geschichte begann (2005), war er 14 Jahre jung. Seine erste Nacht in Italien verbrachte er auf diesem Sofa im SOS-Kinderdorf in Meran. Wenige Stunden vorher hatte er Todesangst erlebt: von Venedig bis Südtirol war er – angebunden unter einem Lkw – gefahren.

Dass Alidad, der heute an der Universität Trient studiert, ein Geschenk für die Südtiroler Gesellschaft sein kann, war vielen schon damals klar. Und diejenigen von Ihnen/Euch, die „Seestern in Südtirol“ schon gesehen haben, werden sicherlich unsere Meinung teilen.

Für alle möchten wir einen Artikel von Alidad bereitstellen. Der Leitartikel ist in der Tageszeitung „Alto Adige“ aus Bozen am 3. Dezember 2019 erschienen. Gleichzeitig wünschen wir Ihnen/Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest, schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Für die AG Lampedusa-Hannover
Renate Blanke und Antonio Umberto Riccò

Menschlichkeit der Zivilgesellschaft

von Alidad Shiri

Du wirst im Krieg geboren, jede Sekunde deines Lebens bist du in Gefahr, aber du versuchst zu überleben, zu lernen und dafür überwindest du jedes Hindernis, und träumst von einer besseren Zukunft. Manchmal, am Ende der Schulausbildung, begreift man dann, dass die Träume nicht zu realisieren sind.

Aber man kann nicht einmal bleiben. Du stehst an einem Scheideweg: Entweder gibst du dem Druck der Taliban nach, sich bei ihnen einzuordnen, um diejenigen zu töten, die sie „Ungläubige“ nennen oder du wählst deine Menschlichkeit und flüchtest.

Du musst dann eine sehr lange Reise ohne Ausweise und ohne jeglichen Schutz unternehmen, alle Arten von Gewalt erleiden, auf unwegsamen Bergstraßen, bei Schnee, Regen oder Sonnenschein gehen und versuchen, die Schuhe als kostbaren Schatz zu hüten. Du siehst eine Unmenschlichkeit, die du niemanden wünscht, sie zu erleben. Du erduldest Erpressungen von denen, die versuchen, während der gesamten Reise Geld mit dir zu verdienen.

Im Winter oder Spätherbst kommt das Wasser oftmals aus einer Zisterne nur tröpfchenweise herunter, weil es innen gefroren ist, aber du brauchst es, um dich sauber zu fühlen, um zu duschen und ein Minimum an Würde zu bewahren.

Und dennoch schauen die Menschen des Dorfes dich seltsam an, und jemand hängt ein Schild auf vor seinem Gasthaus mit den Worten „Eintritt verboten für Migranten“, weil du für sie trotzdem stinkst.

Du bist jetzt auf dem Balkan, ein notwendiger und heute fast unverzichtbarer Weg, um ins Herz Europas zu gelangen. Hier triffst du Menschen die Militäruniformen tragen, obwohl sie nicht zur offiziellen Armee gehören. Sie brechen dir Arme und Beine, ruinieren deine Schuhe, um dich davon abzuhalten, weiterzugehen und dich brutal zurückschicken.

So landest du in Sammellagern, wo man stundenlang ansteht, um von den Freiwilligen etwas zu essen zu bekommen, damit man überleben kann. Zum Schlafen gibt es nichts anderes als ein Zelt, zusammen mit kranken Menschen. Du versuchst immer wieder die Grenze zu überschreiten, beim ersten Mal gelingt es einem nie. Und so kommst du vielleicht in Italien an, aber hier kann dein Problem sicherlich nicht sofort gelöst werden, so dass du zu einem Tischtennisball wirst, der von einem Amt zum anderen geschickt wird.

Du bleibst hier stundenlang in einer Schlange und endlich kommst du bei einem Sozialarbeiter an, der dich fragt, warum du keine Papiere bei dir trägst, ohne zu wissen, mit welchen unvorstellbaren Schwierigkeiten du konfrontierst warst. Und vielleicht sagt er auch, dass deine Gesichtszüge zu orientalisch sind und dass Afghanen Bärte tragen. Er glaubt dir nicht einmal, wenn du erklärst, dass es in Afghanistan viele verschiedene ethnische Gruppen gibt, und er schaut dich auf eine anmaßende und arrogante Weise an.

Sie sagen dir oft, dass die Aufnahmezentren voll sind und dass sie nichts dagegen tun können. So landest du auf der Straße, vielleicht ohne einen Platz für die Nacht. Schläfst du unter einer Brücke oder irgendeinem Unterschlupf, so klappern deine Zähne vor Kälte.
Und jetzt siehst du die Weihnachtslichter leuchten und erinnerst dich an die dunklen Jahre deines Lebens, als der Himmel über deinem Kopf von Geschossen beleuchtet wurde. Der einzige Unterschied ist, dass sie auch Lärm machten.

Du wirst so zerbrechlich, deine Tränen fließen, du kannst sie nicht einmal aufhalten, aber du schaffst es in der Regel, deine Würde zu wahren, ohne in die Hände von Drogenhändlern und Kriminellen zu geraten.

Es ist die Zivilgesellschaft, die dir eine gewisse Hilfe bietet, durch einige Freiwillige, die dich selbstlos zu einem Amt, zum Bezirk, zur Polizei oder zu einem Arbeitgeber begleiten. Und vielleicht geben sie dir etwas zu essen und ein warmes Getränk, auch nachts,

Doch diese Freiwilligen werden von der zuständigen Verwaltung oft verachtet, weil sie Probleme aufdecken und den Mangel an Menschlichkeit. Eine Menschlichkeit, die in solchen Lagen viel wichtiger sein sollte.

Glücklicherweise gibt es in der Zivilgesellschaft in ganz Italien viele aufmerksame und sensible Ehrenamtliche, die sich nicht hervortun. Ich möchte nur ihnen sagen: Danke für das, was ihr tut, zum Glück seid ihr da!

Aus der Tageszeitung „Alto Adige“, Seite 1, vom 3. Dezember 2019

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