Leseprobe

Seestern in Südtirol

Alidad lebt im SOS-Kinderdorf Meran und besucht eine Berufsschule. Dann erfährt er, dass der Sozialdienst seine Altersangabe bezweifelt.


ERSTE STIMME

Die Welt ist nicht überall so komfortabel wie bei uns. Und es ist auch nicht Alidads Schuld, dass er aus Afghanistan stammt.

Oder dein Verdienst, dass du in Europa geboren wurdest.

Welche Schuld trägt ein Fünfzehnjähriger dafür, dass in seinem Land seit Jahrzehnten Krieg herrscht?

ZWEITE STIMME

Apropos Alter: In diesem Monat erfuhr Alidad, dass der Sozialdienst ihm nicht glaubte.

DRITTE STIMME

Er hatte gelogen. Er war wahrscheinlich älter, als er selbst behauptet hatte.

ERSTE STIMME

Sie verdächtigten ihn nur. Es gab keinen Beweis dafür.

DRITTE STIMME

Noch nicht. Monika meinte aber, dass diese Frage sich bald klären würde. Im Kinderdorf kursierten Gerüchte. Irgendjemand hatte erzählt, Alidad selbst habe gesagt, er sei älter.

ERSTE STIMME

Wenn er damals nicht fünfzehn, sondern sechzehn oder etwas älter war – was würde das ändern? Wäre er dann kein Jugendlicher mehr, den man schützen müsste?

DRITTE STIMME

Du bist naiv. Das würde bedeuten, dass er gelogen hat. Und wenn seine Altersangabe falsch war, dann hat er bestimmt auch andere Lügen erzählt.

ZWEITE STIMME

Sag mal, hast du gewusst, dass man anhand der Knochen das Alter eines Menschen bestimmen kann?

ERSTE STIMME

Schätzen, nicht bestimmen.

ZWEITE STIMME

Sei nicht pingelig. Nach Meinung des Arztes war Alidad etwas älter, als er gesagt hatte.

ERSTE STIMME

Alidad war nicht krank, soweit ich weiß.

ZWEITE STIMME

Nein, krank war er nicht. Trotzdem ordnete ein Arzt die Untersuchung an. Ein Radiologe röntgte seine Hand, obwohl es dafür keine medizinische Notwendigkeit gab.

ERSTE STIMME

War das überhaupt zulässig?

DRITTE STIMME

Typisch. Du beschäftigst dich mit Nebensachen und übersiehst das Wichtigste.

ERSTE STIMME

Die Gesundheit eines Jugendlichen ist also eine Nebensache?

ZWEITE STIMME

Für Monika war der „Fall Alidad“ Mitte Februar abgeschlossen. Der Junge war ein Lügner und musste mit Konsequenzen rechnen.

Gina war empört. Auch ein Gespräch des Schulleiters mit Monikas Vorgesetzter brachte keine Lösung.

DRITTE STIMME

Man muss fair bleiben. Sie hörte immerhin zu.

ZWEITE STIMME

Aber sie machte wenig Hoffnung. Alidad habe kein Recht mehr, im Kinderdorf zu bleiben. Die Unterbringung dort sei zu teuer.

„Wir werden eine menschliche Lösung suchen“, versprach sie.

DRITTE STIMME

Siehst du? Nicht umsonst heißen sie soziale Dienste.

ERSTE STIMME

Aber Alidad hatte nun ein Problem. Ein Riesenproblem. Der Sozialdienst wollte ihn aus dem SOS-Kinderdorf nehmen.

DRITTE STIMME

Und das war richtig. Lügner müssen bestraft werden.

ALIDAD

Als ich hörte, dass ich aus dem Kinderdorf ausziehen musste, war es für mich wohl der traurigste Tag in Meran.

Ich musste meine Freunde verlassen, auch die Erzieher. Im Kinderdorf fühlte ich mich sehr gut, weil wir viel Neues lernten. Wir machten Ausflüge, gingen Ski fahren, schwimmen und wandern, machten Fahrradtouren.

Ich fragte mich: Was wird aus mir, wenn ich das Kinderdorf verlassen muss?


Der Auszug stammt aus der szenischen Lesung und wurde für die Website leicht gekürzt und sprachlich behutsam geglättet.

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