LESEPROBE
Nachbarn – Sie waren Freunde, gute sogar
Auszug aus der szenischen Lesung von Antonio Umberto Riccò · Musik von Carsten Litfin · Fassung vom 30. April 2024
Wie die Luft
Jack tritt als örtlicher Vertreter der nationalpopulistischen „Regierung des Volkes“ auf. Bogdana unterbricht seine Rede. Erst nach einer heftigen Auseinandersetzung wird deutlich, dass die beiden früher Nachbarn und enge Freunde waren.
JACK
Ich verstehe dich nicht.
Wir waren Freunde.
BOGDANA
Gute Freunde sogar.
JACK
Und heute? Was sind wir geworden? Feinde?
BOGDANA
Vielleicht.
JACK
Warum?
BOGDANA
Tatsächlich fragst du mich das?!
Ich habe keine Lust, mit dir zu diskutieren, aber eins sage ich dir: Was du hier tust, ist einfach erbärmlich.
JACK
Du darfst mich ruhig beleidigen.
Und dann geh bitte.
BOGDANA
Sei mal ehrlich: Wie viel hat man dir gegeben, um diesen widerlichen Auftritt zu veranstalten?
JACK
Keinen Cent.
BOGDANA
Blöd bist du also auch! Du stellst dich kostenlos als sprechende Puppe der Regierung zur Verfügung …
JACK
Quatsch! Ich bin einfach ernannt worden. Und bin ehrenamtlich tätig.
BOGDANA
Als Marionette der Populisten.
JACK
Du kannst denken, was du willst. Ist mir wurscht.
BOGDANA
Mir auch.
Beide drehen sich voneinander weg. Bogdana durchbricht die Stille, und sie schauen sich wieder an.
Aber eins musst du mir erklären: Wie konntest du so werden?
Du warst mal ein Kumpel. Ein netter Kumpel sogar. Viele Jahre haben wir Tür an Tür auf derselben Etage gewohnt, im Hof haben unsere Kinder gemeinsam gespielt. Unsere Familien waren sehr befreundet.
Und als deine Frau erkrankte, stand meine Familie euch monatelang bei.
JACK
Dafür bin ich euch ja immer noch dankbar. Aber: Wer machte eure Steuererklärung? Wer hat beim Umzug geholfen? Das war ich!
BOGDANA
Ich sagte es: Wir waren Freunde, gute sogar.
JACK
Aber das scheint für dich keine Rolle mehr zu spielen, wenn du hier so ein Theater veranstaltest.
BOGDANA
Gerade weil wir Freunde waren, bin ich heute traurig. Und wütend.
Mensch, Jack! Wir haben gegrillt und manche Bierkiste geteilt, viel gelacht. Und wir haben auch gemeinsam geweint, als deine Frau starb.
Aber jetzt, jetzt erkenne ich dich nicht wieder.
JACK
Ich trinke immer noch das gleiche Bier.
BOGDANA
Ja, aber jetzt zusammen mit Rechtsextremisten.
JACK
Nein, zusammen mit echten Patrioten, die mir ihre Freundschaft angeboten haben. Die mir ihr Vertrauen ausgesprochen haben, obwohl ich sie ursprünglich nicht gewählt hatte.
BOGDANA
Opportunisten, Mitläufer … Die gab es leider immer.
JACK
Aber nein! Aufgeklärte Menschen.
BOGDANA
Ihr lasst euch missbrauchen. Wenn ich denke, dass du eher links als rechts warst …
JACK
Das sagte ich schon: Links und Rechts gibt es nicht mehr.
Aber seit wann interessierst du dich für Politik? Früher hast du immer alles vermieden, was nur ein bisschen nach Politik roch.
BOGDANA
Tja, man lernt aus den eigenen Fehlern.
Früher dachte ich: „Politik ist nur für Reiche, für Leute, die überflüssige Zeit haben.“ Oder für Politiker, die Geld in die eigenen Taschen schaufeln.
Wenn ich mich heute für Politik interessiere, verdanke ich das eurer Regierung.
JACK
Also gibst du zu, dass wir doch etwas Gutes tun.
BOGDANA
Im Gegenteil! Ihr seid gefährlich.
JACK
Nun hör aber auf! Du übertreibst.
BOGDANA
Gefährlich sind schon die Ideen. Und noch mehr die Taten eurer sogenannten „Regierung des Volkes“.
Ihr missbraucht die Demokratie!
JACK
Demokratie … Demokratie … Du überbewertest sie.
Tausende von Jahren lebten die Menschen ohne Demokratie. Und in vielen Ländern gibt es heute noch keine Demokratie. Aber die Menschen sind trotzdem einigermaßen glücklich.
BOGDANA
Siehst du? Gerade das macht euch gefährlich: Ihr habt keinen Sinn für Demokratie. Ihr versteht nicht, wie wichtig sie ist. Für uns alle.
Demokratie ist … wie die Luft.
Solange sie da ist, merken wir nicht einmal, dass sie eben da ist. Aber wenn sie plötzlich fehlt, geraten wir in Panik und stellen fest, wie wichtig sie ist.
JACK
Unfug! Du stehst hier auf der Bühne und kannst sagen, was du willst, oder?
BOGDANA
Wie lange noch?